Sprayer haben diesen Satz in Bern an die Ufermauer der Aare geschrieben. Bild: Manuel Flury

Leave no one behind

01. März 2021 10:32

Dieser Satz steht in grossen Lettern auf einer Betonwand gleich gegenüber dem Lorraine-Bad an der Aare in Bern geschrieben und heisst auf deutsch: Lass niemanden zurück! Er ist auch ein Leitgedanke der Vereinten Nationen. Doch in der Corona-Pandemie werden laut Manuel Flury nur allzu viele Menschen zurückgelassen – insbesondere in Afrika, Asien und Lateinamerika.

von Manuel Flury

LEAVE NO ONE BEHIND – ich weiss nicht, wann diese Aufforderung hingemalt wurde. In den Wochen der Coronapandemie? In Gedanken an all diejenigen Leute, die um ihre Existenz bangen, die Verwandte, Bekannte oder Freundinnen und Freunde verloren haben, die im Stillen an den Folgen der Krankheit leiden oder die in den Spitälern Kranke pflegen, Räume putzen und desinfizieren, die in den Läden an den Kassen stehen und die Gestelle füllen, die ihre Restaurants jetzt als Take-aways weiter offen halten, die ihre Engagements als Kulturschaffende verloren haben, hinter wie vor der Bühne, die Tram- und Busfahrerinnen und -fahrer und an all diejenigen, die Dinge liefern, die online bestellt wurden?

LEAVE NO ONE BEHIND ist auch der Leitgedanke, den die Vereinten Nationen 2015 ihren Nachhaltigkeitszielen und der Agenda 2030 vorangestellt haben. Die Weltgemeinschaft dürfe die Menschen nicht vergessen, die hungern, die unterdrückt oder sozial benachteiligt sind, die ihre Lebensgrundlagen verloren haben wegen Kriegen, Konflikten, unfairem Welthandel oder dem Klimawandel. Dazu ist dies die Botschaft beziehungsweise die Aufforderung.

In der Schweiz sind die Massnahmen der Behörden zur Linderung der Folgen des Shutdown vielfältig. Weltweit und besonders in den Ländern des globalen Südens jedoch drohen Milliarden Menschen wegen der Pandemie zurück zu bleiben. Schulen bleiben über Monate geschlossen, Fernunterricht gibt es nicht oder es können nur wenige Kinder davon profitieren. Auch wenn Smartphones verbreitet sind, fehlt das Geld für Batterien oder mobile Daten. Und über ein WLAN verfügen nur die begüterten Familien. Im Blog der Entwicklungsorganisation Helvetas berichtet der Landesvertreter aus Ouagadougou über den Lockdown in der Hauptstadt des Sahellandes Burkina Faso. Die Stadt war gegen aussen buchstäblich abgeriegelt, Kirchen und Moscheen wurden geschlossen und Taxis verkehrten keine mehr. Für die minimalen Hygienemassnahmen fehlte es an ausreichend Wasser und für die Masken fehlte das Geld. Die vielen im Taglohn angestellten Menschen verloren ihre Arbeit.

Wir erinnern uns an die Tausenden von indischen Hausangestellten, die ihre Arbeit verloren und einen Weg nach Hause, aufs Land unter die Füsse nehmen mussten. Bauernfamilien können ihr Produkte nicht mehr verkaufen, weil die Märkte geschlossen und auch keine Transporte mehr erlaubt sind. Es fehlen die Einnahmen für den Kauf von Saatgut für die nächste Regenzeit.

Helvetas zitiert in ihrem Blog auch Sangita B.K. in Nepal. Sie ist 24 Jahre alt und kam mit ihrem Mann aus dem indischen Mumbai zurück: „Mein Mann verlor seinen Job. Wir mussten während des Lockdowns in Indien den ganzen Tag in einem kleinen Raum bleiben. Unser einziger Gedanke war: Wir wollen nach Hause. Als Indien den Lockdown lockerte, machten wir uns auf den Weg. Die Rückreise dauerte vier schwierige Tage lang. Nun sind wir in dieser Quarantänestation. Es ist uns nicht erlaubt, nach draussen zu gehen und jemanden zu treffen. Ich bin unruhig und langweile mich. Ich hatte meine Periode, was hier sehr unangenehm ist, wenn man von so vielen Leuten umgeben ist. Zum Glück erhielt ich Monatsbinden.“

Erfreulich waren die Nachrichten aus Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien. Die Regierung verfügte zwar auch einen Shutdown, gleichzeitig stellte sie an den Wasserstellen überall Seife zur Verfügung und offenbar gab es auch keine Unterbrüche in der Wasserversorgung mehr! 

Während in der Schweiz nahezu eine halbe Million Menschen geimpft werden konnten, bleiben Milliarden in Afrika, Asien und Lateinamerika ohne Impfdosen, ohne genügend Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, ohne leistungsfähige Spitäler. Sowohl der vielgenannten Covax-Initiative der WHO als auch die afrikanische Strategie zur Bekämpfung von COVID-19 fehlen genügend Gelder, um die Bevölkerung des globalen Südens auch nur einmal durchimpfen zu können.

Dabei hätte auch der reiche globale Norden alles Interesse daran, dass das Virus, das keine Landesgrenzen kennt, überall bekämpft werden kann! Und dies gilt auch für viele der weiteren übertragbaren Krankheiten: Sie sind eine Angelegenheit von uns allen.


Manuel Flury-Wahlen ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz. Dieser Meinungsbeitrag ist auch auf dem persönlichen Blog von Regula und Manuel Flury-Wahlen unter diesem Link erschienen.

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